Wiesn, Dirndl

Kolumne: Das Wiesn-Gefühl

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Kolumne: Das Wiesn-Gefühl

Warum das Oktoberfest so besonders ist

Für einen Großteil der Menschheit ist es das Oktoberfest. Das größte Volksfest der Welt. Ein jährliches Spektakel mit mehreren Millionen Besuchern, großen Zelten, viel Bier und Fahrgeschäften. Und für einen sehr kleinen Teil der Menschen, zu dem auch ich gehöre, ist es die Wiesn. Es sind nicht die Wiesen, es ist nicht die Wiese, es ist die Wiesn. Eine Zeit im Jahr, die wir in vollen Zügen genießen. Einfach ein Stück Heimat, ohne das München nicht München und wir Münchner nicht wir Münchner wären.
Viele Leute können diese Wiesn-Euphorie nur schwer nachvollziehen. Sie sagen, zu dieser Zeit wären überall Betrunkene in der Stadt, es würde nach Kotze stinken und ständig seien die U-Bahnen überfüllt. Ich kann darüber mit einem Lächeln hinwegsehen. Für mich riecht es auf der Wiesn nach Erinnerungen. Erinnerungen an jede einzelne Phase meines Lebens. Der Geruch der Zuckerwatte-Stände lässt mich an Nachmittage denken, an denen mein Vater nach der Grundschule mit mir über die Wiesn geschlendert ist. Der Gestank nach Erbrochenem erinnert mich an einen meiner ersten Räusche mit 15 und wie ich mich mit meinen Freunden ins Zelt geschlichen habe, obwohl ich noch gar nicht rein durfte. Der Duft einer frischen Maß lässt mich zu vielen unglaublich witzigen Abenden zurückschweifen, an denen ich stundenlang mit den besten Freunden der Welt auf Bierbänken getanzt und gesungen habe. Und der unglaublich gute Geruch einer Ochsenfetzensemmel erinnert mich daran, dass diese Semmel einfach der beste Heimweg-Snack ist, wenn man betrunken aus dem Zelt taumelt. Ob ihr es glaubt, oder nicht: Ich freue mich jedes Jahr aufs Neue auf die Wiesn. Ich verbinde damit so unglaublich viel. Viele glückliche aber auch viele prägende, eher traurige Ereignisse. Zum Beispiel den ersten Liebeskummer, der einen nach drei Maß bei Robbie Williams Angels im Bierzelt übermannt hat und die beste Freundin, der man heulend in den Armen lag. Ja, auch das gehört zum Oktoberfest.
Im Alter zwischen 16 und 20 waren meine Freunde und ich besonders hart im Nehmen und sind tatsächlich am Anstich-Tag um 5 Uhr morgens bei Dunkelheit auf die Wiesn gefahren, um uns dort mit tausend anderen Irren vor die Zelte zu stellen. Und wenn wir Glück hatten, konnten wir einen Tisch erobern und den Anstich und das damit verbundene Gänsehautgefühl live miterleben. Ja, allein dieses Gefühl ist wenig Schlaf und stundenlanges Anstehen und Gedrängel wert.
Für die meisten Menschen ist die Wiesn riesengroß und unübersichtlich. Menschen wie ich, die damit aufgewachsen sind, kennen das Gelände dagegen wie ihre Westentasche. Ich kann euch genau sagen, welches Zelt wo steht, an welcher U-Bahn-Haltestelle ihr zu welcher Tageszeit aussteigen müsst, um Stress zu vermeiden und wo es die besten Schmankerl-Stände gibt. Alles in allem bedeutet das Oktoberfest für mich statt Stress und Ärger einfach nur Freude und Spaß. Ich habe ein Lächeln im Gesicht und Gänsehaut am Körper, während ich das hier schreibe.
Denn eines kann ich euch sagen: Nichts auf dieser Welt kommt dem unglaublichen Glücksgefühl gleich, das mich überwältigte, als ich letztes Jahr in meinem geliebten Dirndl zwischen meinen Mädels auf der Bierbank stand und mein Freund mir ein großes Wiesn-Herz mit der Aufschrift „I gib di nimma her“ um den Hals hängte. Und jeder, der am letzten Wiesn-Abend, wenn das komplette Schützenfestzelt auf den Tischen steht, sich in den Armen liegt, Wunderkerzen in der Hand hält und „Weus’d a Herz hast wia a Bergwerk“ singt keine Tränen in den Augen hat, ist einfach nur gefühlskalt. Oder eben nicht aus München 😉

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